Die größte Schwierigkeit beim Erlernen der Grundlagen der Traditionellen Chinesischen Medizin ist im Regelfall, daß für uns westliche Menschen ihre Denkweise kaum nachvollziehbar zu sein scheint. Häufig bleibt einem Studierenden der TCM nichts anderes übrig, als die vielen Zuordnungen, die Beispielsweise zu Yin und Yang, den Wandlungsphasen und den Funktionskreisen gemacht werden, einfach auswendig zu lernen, ohne jemals das System erklärt zu bekommen, daß den Zuordnungen zugrunde liegt.

Dieses Problem wird noch dadurch verstärkt, daß auch in China selbst die Studenten häufig eher dazu angehalten werden, Zuordnungen und die Wirkungen einzelner Akupunkturpunkte einfach auswendig zu lernen. Daher findet sich auch weder in der aus China übersetzten Literatur noch in den in Europa und Amerika erschienenen Büchern eine Erklärung, was die Wandlungsphasen eigentlich sind und wie sich die Zuordnungen von dem jeweiligen Grundprinzip ableiten.

 


Das Grundprinzip von Yin & Yang

Das Grundprinzip von Yin und Yang ist recht einfach und auch den allermeisten Praktizierenden der TCM bekannt: Es handelt sich hierbei einfach um die grundlegende Energierichtung.

Yin ist die Zusammenziehende Energie. Wenn sich etwas zusammenzieht wird es dichter und schwerer, daher gehören Zuordnungen wir Materie, kleiner werden, Schwere und Dunkelheit (durch dichte Wände kann kein Licht dringen) zu Yin. Auch die Kälte wird dem Yin zugeordnet, da sie dazu führt, daß sich etwas zusammenzieht, fester und unbeweglicher wird. Die Zuordnung von Weiblichkeit zu Yin ergibt sich zunächst einmal aus der einfachen biologischen Tatsache, daß weibliche Wesen in der Regel den Samen der männlichen empfangen, wenn es zur Befruchtung kommt (dies gilt zumindest bei allen Wirbeltieren), aber auch daraus, daß das Zusammenziehen und die sich daraus ergebende Festigkeit der Materie zu Wänden führt, die Geborgenheit und Schutz bieten, was normalerweise ebenfalls als weibliche Qualität angesehen wird.

Yang ist die expandierende Energie. Ihre Richtung geht nach außen, die Materie wird verstreut, lichter, durchsichtiger, immaterieller. Diese Energierichtung bringt Bewegung und Dynamik mit sich, daher gibt es die Zuordnung, daß Aktivität Yang und Passivität Yin ist. Wärme gehört zu Yang, weil sie zur Bewegung anregt und Licht, weil brennende Feuer nicht nur Wärme sondern auch Helligkeit spenden. Der Tag ist Yang zugeordnet, weil er - für die meisten Menschen - die Zeit der größten Aktivität ist, also die Zeit, in der man handelt und sich nach außen wendet. Und die Männlichkeit wird dem Yang zugeordnet, wieder einerseits aufgrund der biologischen Funktion und andererseits, weil Handeln, Durchsetzungs- und Tatkraft Qualitäten sind, die im Normalfall als männlich empfunden werden.

Hierbei darf natürlich nicht vergessen werden, daß Yin und Yang relativ zueinander sind: Eine Person, die tatkräftiger und energischer ist als eine zweite, ist im vergleich zu dieser mehr Yang, die zweite Person ist mehr Yin im Vergleich zur ersten. Dabei ist natürlich vollkommen egal, welche der beiden Personen welches Geschlecht besitzt.

 


Die Grundprinzipien der Wandlungsphasen

Die Grundlegende Idee, die den fünf Wandlungsphasen zugrunde liegt, ist sehr viel weniger bekannt als die von Yin und Yang. Eigentlich ist das verwunderlich, da es sich um ganz genau das gleiche Prinzip handelt:

Wenn wir uns das Yin-Yang-Symbol mal genauer betrachten, so können wir feststellen, daß es nicht zwei, sondern vier Energierichtungen besitzt:

  1. kleines Yang: Yang, das noch größer wird, Ausdehnung, die noch zunimmt.
  2. großes Yang: Yang auf dem maximalen Punkt seiner Ausdehnung; Yang, das nicht mehr größer wird.
  3. kleines Yin: Yin das sich noch zusammenzieht, das also noch kleiner wird
  4. großes Yin: Yin mit der maximalen Zusammenziehung, das nicht mehr kleiner werden kann

Aus diesen vier Energierichtungen ergeben sich vier Wandlungsphasen: Holz, Feuer, Metal und Wasser. Die fünfte Wandlungsphase, die Erde, ergibt sich aus der chinesischen Idee, daß sich alles immer im Wandel befindet. Wo kein Wandel ist, da ist Stillstand, und Stillstand führt zu Krankheit. Daher dreht sich das Rad von Yin und Yang im ewigen Kreis um sich selbst, wie auch auf jeden Sommer immer wieder ein Herbst, ein Winter, ein Frühling und ein neuer Sommer folgen. Die Wandlungsphase Erde entspricht der kreisende Energie im Zentrum, die alle in Bewegung hält.

 


Und was ist daran neu?

Bis jetzt eigentlich noch nicht viel: Die Energierichtungen der Wandlungsphasen sind in einer ganzen Reihe von Bücher beschrieben, auch wenn normalerweise nicht erklärt wird, daß sie sich ganz natürlich aus dem Yin-Yang-Symbol ergeben. Das Besondere kommt jetzt erst:

Aus der Energierichtung einer Wandlungsphase lassen sich alle Zuordnungen zu den Wandlungsphasen ganz einfach und logisch ableiten. Wenn dieses Prinzip einmal verstanden wurde, dann ist es nicht mehr notwendig, lange Listen auswendig zu lernen, sondern es reicht aus, zu verstehen, wie die Ableitung funktioniert.

Sie finden einige Beispiele für diese Ableitung auf der folgenden Seite...